
30 Jahre Städtepartner-schaftsverein
Am 6. Juni 1995 trafen sich Vertreter des Städtepartnerschaftsausschusses des damaligen Stadtrates von Heidenau und interessierte Bürger, um einen Verein zur bürgernahen Ausgestaltung der seit der Wende 1990 geschlossenen Städtepartnerschaften zu gründen. Das war die Geburtsstunde des Städtepartnerschaftsvereins Heidenau e.V. und wir begehen deshalb in diesem Jahr das 30-jährige Jubiläum der Vereinsgründung. Das möchte ich zum Anlass nehmen, um ein wenig über Städtepartnerschaften im Allgemeinen und die 30-jährige Geschichte unserer Arbeit zu berichten.
Teil I: Historische Entwicklung von Städtepartnerschaften
Städtepartnerschaften sind ein interessantes Phänomen in der heutigen sehr globalisierten Welt. Historisch gesehen ist wohl die 836 erstmals urkundlich erwähnte Partnerschaft der Städte Le Mans und Paderborn die älteste europäische Vereinbarung in diesem Sinn[i]. Diese Partnerschaft gründete sich auf eine Vereinbarung der beiden Bischöfe Badurat und Aldrich, beide aus Sachsen stammend. Ihr gemeinsames Ziel war es, in ihrem Heimatland Sachsen für die Festigung des christlichen Glaubens nach der Unterwerfung der Sachsen durch Karl den Großen zu wirken. Diese Partnerschaft der beiden Städte erhielt sich über die Jahrhunderte hinweg aufrecht mit vielfältigen kirchlichen und politischen Beziehungen, bis sie am 3. Juni 1967 als offizielle Städtepartnerschaft im modernen Sinne im Rahmen der Europäischen Union besiegelt wurde.[ii]
Die Idee der Städtepartnerschaften entstand vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg als Initiative ein öffentlichkeitswirksames und langfristig effektives Instrument zu schaffen, um Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenzuführen und damit einen Beitrag zur Völkerverständigung, zur Förderung der Demokratie und zum friedlichen Miteinander zu leisten. Im Mittelpunkt soll dabei der Austausch der Bürger stehen, so dass die konkrete Ausgestaltung der Aktivitäten sehr vielfältig sein kann[iii].
Dies war ganz im Sinne der bereits 1924 von Richard N. Graf Coudenhove-Kalergi (1894-1972) in der Folge des ersten Weltkrieges begründeten europäischen Einigungsbewegung mit der Idee eines Pan-Europa[iv]. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden dann ab 1947 vor allem ausgehend von den Briten freundschaftliche Beziehungen zwischen deutschen und britischen Städten aufgenommen um eine Völkerverständigung „von untern“ zu ermöglichen und damit einen Beitrag zur Demokratisierung der Nachkriegsgesellschaften zu leisten[v].
Bereits 1951 als die Idee eines vereinten Europas noch nicht im Zentrum der politischen Debatten stand, gründeten 50 Bürgermeister deutscher und französischer Städte in Genf den Rat der Gemeinden Europas, der seit 1984 Rat der Gemeinden und Regionen Europas, (RGRE) heißt[vi]. Die Idee bestand darin, die Kommune als Keimzelle der Demokratie zu stärken und durch persönliche Begegnungen der Bürger Ressentiments abzubauen. Der RGRE vertritt derzeit die Interessen seiner rund 800 deutschen Mitgliedskommunen und der kommunalen Spitzenverbände in den Führungsgremien des RGRE-Dachverbandes Council of European Municipalities and Region (CEMR)[vii].
Heute finden Städtepartnerschaften ebenso Unterstützung durch verschiedene Programme der EU, wie zum Beispiel in Sachsen die Euroregionen Elbe-Labe und Oder-Neiße, sowie lokal durch Bund und Bundesländer.
Teil II: Aufgaben und Ziele der Städtepartnerschaften
Eine einheitliche Definition des Begriffes Städtepartnerschaften existiert nicht. Die in Deutschland am weitesten verbreitete Definition der deutschen Sektion des Rates der Gemeinden und Regionen Europas (RGRE) bezeichnet Städtepartnerschaften als förmliche, zeitlich und sachlich nicht begrenzte Partnerschaft, beruhend auf einem Partnerschaftsvertrag, den die Verwaltungen der Städte und Gemeinden bilateral abschließen.
Städtepartnerschaften existieren in vielfältigen Formen und Größen und haben vielfältige Zielvorstellungen:
- Kultureller Austausch: Städtepartnerschaften ermöglichen es den Bewohnern, die Kultur, Traditionen und Lebensweise anderer Länder auf authentische Weise kennenzulernen. Dies fördert Toleranz, Offenheit und interkulturelle Kompetenz.
- Sprachbildung: Durch Austausch von Studenten, Schülern und Azubis kann ein Betrag zur Weltoffenheit und Sprachkompetenz erreicht werden.
- Wirtschaftliche Zusammenarbeit: Durch den Austausch von Wissen und Ressourcen können Städte voneinander lernen und voneinander profitieren. Dies kann zu wirtschaftlichem Wachstum und zur Schaffung von Arbeitsplätzen führen.
- Kooperation auf Verwaltungsebene: Durch Austausch von Erfahrungen und gegebenenfalls auch Personal können Verwaltungsprozesse optimiert und Demokratisierung vorangetrieben werden.
- Friedensförderung: Städtepartnerschaften tragen zur Entstehung eines Gefühls der Gemeinschaft und Verbundenheit bei. Durch den persönlichen Kontakt und Austausch zwischen den Bewohnern werden Stereotypen abgebaut und das Verständnis füreinander vertieft und Fremdenfeindlichkeit und Hass abgebaut,
- Globales Bewusstsein: Partnerschaften zwischen Städten schaffen Bewusstsein für globale Probleme und ermöglichen es, gemeinsam Lösungen zu finden. Dies kann beispielsweise Umweltschutz, Klimawandel und nachhaltige Entwicklung betreffen.
Fazit: Städtepartnerschaften sind eine wertvolle Form der internationalen Zusammenarbeit, die auf lokaler Ebene beginnt und zu tiefen, langfristigen Beziehungen zwischen Städten und ihren Bewohnern führt. In einer Zeit, in der die Welt immer stärker vernetzt ist, sind Städtepartnerschaften ein lebendiger Beweis dafür, dass die Zusammenarbeit zwischen Kulturen und Nationen auf jeder Ebene möglich und gerade heute außerordentlich wichtig ist.
Auf der Ebene der Kommunen könnten Partnerschaften somit neue Horizonte eröffnen: zum einen durch die Verknüpfung von Wissen und Erfahrungen, zum anderen durch die Bündelung von Ressourcen[viii].
Teil III: Der Städtepartnerschaftsverein Heidenau e.V.
Die Stadt Heidenau hat bisher 3 solche Städtepartnerschaften (Troisdorf 3.10.1990, Benešov nad Ploučnicí 26.6.1992 und Lwówek Śląski 4.4.1995) begründet.
Am 6.6.1995 wurde der Städtepartnerschaftsverein Heidenau e.V. gegründet, um diese Partnerschaften für die Heidenauer Bürger persönlich erlebbar zu gestalten. Der Verein blickt heute somit auf nunmehr fast 30-jährige Erfahrungen mit der Entwicklung und Gestaltung der Partnerschaften unserer Stadt zurück.
Seit der Gründung mit 7 Mitgliedern haben wir sehr unterschiedliche Entwicklungen genommen. In den besten Zeiten hatte der Verein über 40 Mitglieder, heute sind es aktuell 31 Mitglieder, die sich der Umsetzung unserer Ziele einer bürgernahen, lebendigen Ausgestaltung der städtepartnerschaftlichen Beziehungen fei von politischen oder religiösen Bindungen verschrieben haben[ix].
Neben den Kontakten auf der Verwaltungsebene durch die Stadtverwaltung Heidenau, welche in erster Linie zur Unterstützung bei den Veränderungen in Politik und Wirtschaft dienten, ist es das Ziel unseres Vereins über persönliche Begegnungen der Bürger der Partnerstädte zur Förderung der internationalen freundschaftlichen Gesinnung sowie des ehrenamtlichen bürgerschaftlichen Engagements auf persönlicher Ebene beizutragen.
Dazu werden jährlich eine Vielzahl von Aktivitäten mit den Bürgern Heidenaus und der Partnerstädte organsiert.
Im Rahmen der Partnerschaft mit Troisdorf geht es vor allem darum, einen Beitrag für die Begegnung und das Zusammenwachsen der Menschen in allen Teilen Deutschlands zum besseren Kennenlernen und Verstehen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens zu leisten. Hier hat der Heidenauer Städtepartnerschaftsverein ein Pendant in Troisdorf gefunden, was die Ausgestaltung der Partnerschaft trotz der großen Entfernung sehr erleichtert.
Mit der tschechischen und polnischen Partnerstadt stehen dagegen nur die Stadtverwaltung und der Regionalverein LTR in Lwówek Śląski, der überregional agiert und in Benešov nad Ploučnicí die Stadtverwaltung und der Seniorenklub als Partner zur Verfügung. Erschwerend wird hier leider auch die Sprachbarriere wirksam, die für alle Austauschmaßnahmen einen Dolmetscher erfordert, was den persönliche Kontakt zu den Freunden erschwert und damit den Charakter der Treffen etwas „organisierter“ aussehen lässt als bei rein deutschsprachigen Kontakten.
Dennoch konnten in den zurückliegenden Jahren vielfältige gemeinsame Aktivitäten mit den Bürgern der Partnerstädte organisiert werden. Zwischen Troisdorf und Heidenau waren es wegen der größeren Entfernung eher mehrtägige Reisen mit dem Ziel, die Kultur und das Leben der Partnerstadt und ihrer Umgebung kennenzulernen. Die bevorzugte Unterbringung in Gastfamilien bietet die Möglichkeit intensiver Gesprächskontakte, woraus schon viele persönliche Kontakte und Freundschaften, auch außerhalb der Städtepartnerschaftsarbeit, entstanden sind.
Mit den tschechischen und polnischen Freunden bieten sich dagegen mehrere über das Jahr verteilte Ein-Tages-Veranstaltungen mit kulturellen oder sportlichen Inhalten in kleineren Gruppen an.
Selbstverständlich stehen alle Veranstaltungen allen Bürgern der Partnerstädte offen, ob sie nun Mitglied in unserem Verein sind oder nicht. Gerne kann man sich darüber auf unserer Webseite https://spv-heidenau.de informieren. Hier werden alle geplanten Veranstaltungen öffentlich angeboten und im Blog können Berichte darüber nachverfolgt werden. Gerade an solche Bürger, die bisher nicht mit den Partnerstädten in Berührung gekommen sind, richten sich unsere Angebote. Leider besteht aber überall der Trend, dass wir die jüngere Generation nicht mehr erreichen und die Vereine zunehmend überaltern und damit das Angebot immer mehr auf Seniorenkontakte beschränkt und ausgerichtet ist.
Schon seit Jahren gibt es aber Schüleraustausche zwischen dem Heidenauer Pestalozzi-Gymnasium und einer Schule in Benešov nad Ploučnicí. Ebenso gibt es eine Beziehung der Jugendfeuerwehr dahin. Die Beziehungen werden mittlerweile nicht mehr vom Verein, sondern von den Partnern selbst organisiert.
Städtepartnerschaften stehen heute vor einem erheblichen Wandlungsprozess. Die Fahrt in das nahe europäische Ausland oder innerhalb Deutschlands ist angesichts von attraktiven Urlaubszielen mit der Konkurrenz durch Billig-Reise-Angebote kein besonderes Ereignis mehr. Wir müssen deshalb vermehrt andere Formen der Zusammenarbeit suchen, bei denen die persölichen Kontakte wieder mehr in den Vordergrund treten. Städtepartnerschaften können dann weiter einen Beitrag für ein friedliches Zusammenleben mit unseren Nachbarn leisten und Fremdenfeindlichkeit abbauen.
Deshalb möchten wir auf diesem Wege alle Bürger unserer Stadt ansprechen und bitten, wenn sie Lust und Ideen haben, wie die freundschaftliche Begegnung mit den Bürgern unserer Partnerstädte noch besser ausgestaltet werden kann (z.B. Jugendforen zu allgemein interessierenden Themen wie Demokratie, Umwelt, Teilhabe oder Migration, bilaterale Projekte zwischen Schulen, Sportvereinen oder Unternehmen) uns gerne anzusprechen.
Wir brauchen dringend jüngeren Nachwuchs, damit wir nicht weiter überaltern und im wahrsten Sinne des Wortes aussterben – denn das wäre wirklich schade.
PD Dr.med. Horst Alheit
Vorsitzender Städtepartnerschaftsverein Heidenau e.V.
[i] 50 Jahre Städtepartnerschaft: Ein Rückblick in bewegten Bildern; https://www.youtube.com/watch?v=iK8NcjReaxw/
[ii] https://www.paderborn.de/rathaus-service/stadtportrait/109010100000055818.php
[iii] https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/handwoerterbuch-politisches-ystem/202141/staedtepartnerschaften/
[iv] https://www.eurasischesmagazin.de/artikel/Die-Vereinigten-Staaten-von-Europa/20041111
[v] Kommunale Außenpolitik in https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeindepartnerschaft
[vi] https://de.wikipedia.org/wiki/Rat_der_Gemeinden_und_Regionen_Europas/
[vii] https://de.wikipedia.org/wiki/Rat_der_Gemeinden_und_Regionen_Europas/
[viii] Städte- und Gemeindepartnerschaften | Wissensatlas Bildung der Stiftungen (wissensatlas-bildung.de)
[ix] Satzung | Städtepartnerschaftsverein Heidenau e.V. (spv-heidenau.de)